Beim internationalen Seminar in Kleve wurde deutlich, deutsche und niederländische Einsatzkräfte wollen gemeinsam gegen die wachsende Gefahr von Wald- und Vegetationsbränden vorgehen
VON STEPHAN DERKS
KREIS.KLEVE. Wenn sich Feuerwehrleute, Forstexperten und Katastrophenschützer aus Deutschland und den Niederlanden an der Hochschule Rhein-Waal treffen, geht es um mehr als theoretische Diskussionen. Beim internationalen Waldbrandseminar am Wochenende stand eine Frage im Mittelpunkt, die mit zunehmenden Hitze- und Trockenperioden immer drängender wird: Wie lassen sich Wald- und Vegetationsbrände in einer Grenzregion wirksam verhindern und bekämpfen? Die Resonanz auf die Veranstaltung war groß. Teilnehmer kamen nicht nur aus dem Kreis Kleve, sondern auch aus dem Kreis Viersen sowie aus der niederländischen Region Nord-Limburg. Gemeinsam betrachteten sie ein Gebiet, das sich auf deutscher Seite von Kranenburg bis Wassenberg und auf niederländischer Seite von Mook bis Susteren erstreckt. Gerade diese grenzüberschreitende Perspektive macht das Thema besonders komplex.
Grenzüberschreitendes Naturbrandmanagement
Das Seminar ist Teil eines Interreg-Projekts im Programm Deutschland–Niederlande. An diesem Projekt arbeiten die beteiligten Partner bereits seit Oktober 2024. Ziel ist es, die Brandsicherheit in der Grenzregion dauerhaft zu verbessern. Dazu sollen Strategien entwickelt werden, die nicht an nationalen Grenzen enden. Geplant sind unter anderem gemeinsame Aus- und Weiterbildungsprogramme für Einsatzkräfte, ein regelmäßiges Übungsprogramm sowie neue Konzepte zur Vegetationsbrandbekämpfung. Ebenso wichtig, die stärkere Vernetzung der beteiligten Organisationen. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Zusammenarbeit mit den niederländischen Sicherheitsregionen. In den Niederlanden existieren 25 sogenannte „Veiligheidsregio’s“. Zu ihnen gehört auch die Region Limburg-Noord. Wie Einsatzkräfte aus beiden Ländern im Ernstfall möglichst reibungslos zusammenarbeiten können, war gleichfalls eines der zentralen Themen der Veranstaltung.
Taktik entscheidet über den Einsatzerfolg
In mehreren Fachvorträgen wurde deutlich, wie komplex Vegetations- und Waldbrände sind. Schon die genaue Standortbestimmung eines Brandes kann entscheidend für den Einsatzerfolg sein. Ebenso wichtig ist die richtige Einschätzung der Brandart. Handelt es sich um einen Vegetationsbrand oder um einen klassischen Waldbrand? Von dieser Einordnung hängt die taktische Vorgehensweise der Einsatzkräfte ab. In manchen Situationen ist ein offensives Vorgehen sinnvoll, in anderen Fällen wird defensiv gearbeitet. So richten Feuerwehren häufig sogenannte Stopplinien ein. Sie sollen verhindern, dass sich das Feuer weiter ausbreitet. Dabei spielen viele Faktoren eine Rolle. Auch das Verständnis der Feuerdynamik ist entscheidend. Für die Einschätzung der Intensität eines Brandes ist nicht allein die Flammenhöhe ausschlaggebend, sondern vor allem die Flammenlänge. Sie gibt Aufschluss darüber, wie viel Energie das Feuer freisetzt.
Hinzu kommen äußere Einflüsse wie Wind, Temperatur, Bodenbeschaffenheit oder die vorhandene Vegetation. All diese Faktoren beeinflussen das Verhalten eines Feuers. Experten empfehlen deshalb zunehmend, starre Einsatzkonzepte durch dynamische Strategien zu ersetzen.
Wälder stehen unter Stress
Neben der Brandbekämpfung rückte auch die Prävention in den Fokus. Vertreter des Regionalforstamtes Niederrhein machten deutlich, dass die Wälder der Region bereits stark unter Druck stehen. Seit dem Jahr 2018 sind durch Schädlinge und andere Kalamitäten rund 45 Millionen Festmeter Holz verloren gegangen. Insgesamt wurden etwa 133.000 Hektar Wald geschädigt. Der rasche Klimawandel verschärft diese Entwicklung zusätzlich. Trockenheit, Hitze und Pilzbefall schwächen die Bäume. Geschwächte Wälder reagieren empfindlicher auf Brände. Ein zunächst harmlos wirkendes Bodenfeuer kann sich dann schnell zu einem gefährlichen Kronenfeuer entwickeln, das die Baumkronen erfasst und sich rasch ausbreitet. Um die Gefährdung zu reduzieren, setzt der Landesbetrieb Wald und Holz Nordrhein-Westfalen auf verschiedene Maßnahmen. Dazu gehört vor allem der Umbau der Wälder hin zu stabileren Laubmischwäldern. Sie gelten als widerstandsfähiger gegenüber Trockenheit und Bränden. Auch intensive Waldpflege spielt eine wichtige Rolle. Totholz muss möglichst schnell beseitigt werden, da es im Brandfall als zusätzlicher Brennstoff wirkt.
Infrastruktur für den Ernstfall
Ein weiterer Schwerpunkt des Seminars war die Infrastruktur für den Brandfall. In großen Waldgebieten werden sogenannte Wasserübergabepunkte eingerichtet. Dort kann Löschwasser bereitgestellt werden, das im Einsatzfall von Feuerwehrfahrzeugen aufgenommen wird. Die Planung und regelmäßige Kontrolle dieser Einrichtungen erfolgt in enger Abstimmung zwischen dem Regionalforstamt und den örtlichen Feuerwehren. Allerdings scheitern Bau und Instandhaltung solcher Anlagen häufig an begrenzten finanziellen Mitteln. Digitale Unterstützung bietet das Internetportal „waldinfo.nrw“. Dort können Einsatzkräfte Kartenmaterial abrufen, das unter anderem Wasserentnahmestellen oder Zufahrtsmöglichkeiten zu Waldflächen zeigt.
Technik hilft bei der Früherkennung
Auch bei der Früherkennung von Bränden kommt moderne Technik zum Einsatz. Das sogenannte „Fire Watch System“ soll künftig beidseits der Grenze eingesetzt werden. Kameras überwachen dabei große Waldflächen und melden mögliche Brandherde automatisch an die zuständigen Leitstellen. Dadurch können Feuerwehren frühzeitig alarmiert werden, bevor sich ein kleiner Brand zu einem größeren Feuer entwickelt.
Praxisbeispiel Reichswald
Wie konkrete Konzepte in der Praxis aussehen können, zeigte ein Beispiel aus dem Reichswald. Die Feuerwehren aus Kleve, Goch und Kranenburg haben gemeinsam mit niederländischen Partnern ein Konzept zur Waldbrandbekämpfung entwickelt, das speziell auf die örtlichen Gegebenheiten zugeschnitten ist. Regelmäßige Übungen gehören dabei zum festen Bestandteil. So trainieren die Einsatzkräfte beispielsweise gemeinsam die Wasserversorgung in abgelegenen Waldgebieten. Im Kreis Kleve stehen inzwischen mehrere Großtanklöschfahrzeuge bereit. Sie können im Einsatzfall große Mengen Löschwasser transportieren und so eine wichtige Rolle bei der Brandbekämpfung übernehmen.
Austausch bleibt entscheidend
Trotz der bereits erreichten Fortschritte waren sich die Teilnehmer des mehrstündigen Seminars am Ende einig: Die Zusammenarbeit muss weiter ausgebaut werden. Vor allem das gegenseitige Kennenlernen unterschiedlicher Taktiken und Einsatzstrukturen zwischen deutschen und niederländischen Feuerwehren gilt als wichtige Aufgabe. Auch wünscht sich das Regionalforstamt regelmäßige gemeinsame Übungen und einen dauerhaften Austausch, etwa im Rahmen eines „runden Tisches“. Denn beim Schutz der Wälder gilt ein Grundsatz, der während des Seminars immer wieder zitiert wurde: „Keiner ist so klug wie wir alle.“ Gerade in einer Grenzregion gewinnt dieser Gedanke an Bedeutung. Wald- und Vegetationsbrände machen schließlich vor Landesgrenzen keinen Halt, wobei der Hauptgrund dieser Brände nach wie vor der Mensch sei. Auch hier tut Aufklärung bekanntlich Not.
